Konnotationen im aktuellen Werk von Stephan Haimerl

 

 

von Axel Feuß


Einhundert Jahre nach Erfindung der abstrakten Kunst, deren Beginn durch das „Schwarze Quadrat auf weißem Grund“ (1913) von Kasimir Malewitsch markiert wird, versagt die Zeitleiste, auf der wir bislang die ungegenständliche Kunst in ihrer stilistischen Abfolge kategorisiert haben. Wer glaubte, dass alle Stilformen und alle Möglichkeiten der abstrakten Kunst in klarer Abfolge durchdekliniert sind und dass alles gesagt ist, wird von Stephan Haimerl eines Besseren belehrt. Der Künstler zeigt, dass sehr wohl neue Entwicklungen und eine frische, unverwechselbare Handschrift möglich sind. Angesichts der Vielfalt an Formfindungen, Techniken, Zeichen, stilistischen Zitaten und Rückbezügen, Farbräumen und Gefühlsebenen ist der erzählerische Ertrag seiner Bilder womöglich höher als der der gegenständlichen Kunst.

Die Kunstgeschichtsschreibung hat bislang wenig Geist auf die Frage verwendet, ob in der abstrakten Kunst nicht tatsächlich auch abstrakte Begriffe wie Bewegung, Zeit, Bedrohung, Bedrückung, Freude, Melancholie, Brutalität, Vergänglichkeit, Gefahr, Relativität oder noch kompliziertere Vorgänge wie das Überlagern von Ansichten und Lebenswelten oder sogar die gesamte Diversität, also die Veränderung, Abwechslung und Vielfalt des Daseins dargestellt werden können. Meist beschreiben Autoren die formalen Unterschiede, Neufindungen oder Rückgriffe und verstecken die abstrakte Begrifflichkeit in literarischen Umschreibungen. Von Willi Baumeister etwa wird gesagt, dass im Laufe seines Lebens das Schwarz in seinen Bildern „wie eine dunkle Drohung“ immer beherrschender geworden sei, nicht aber, dass er Bedrohung tatsächlich darstellen wollte. Bernard Schultze sagt man einen Hang zum Grübeln und Spintisieren nach, nicht aber, dass er Grübeln und Spintisieren als abstrakte Begriffe in seinen kleinteiligen Zeichnungen und monsterartigen Skulpturen tatsächlich ins Bild setzte. Kaum ein Kunstkritiker hätte zugegeben, dass er oder sie vor einem monochrom blauen Bild von Yves Klein vielleicht eine halbe Stunde zugebracht und Zeit, Raum, Materialität, Faszination, sogar Glück empfunden habe, während neunzig Prozent der anderen Ausstellungsbesucher Yves Kleins angebliche Scharlatanerie (wieder ein abstrakter Begriff) keines Blickes würdigten. Er oder sie hätte geschrieben, dass vor Yves Klein niemand so etwas gewagt habe, ohne aber den Begriff Wagnis mit dem Bild direkt in Beziehung zu setzen. Immerhin, Karl Ruhrberg wagte mehr, als er die von Klein 1958 in der Pariser Galerie Iris Clert weiß gestrichenen Wände, auf denen nichts zu sehen war, beschrieb als die „malerische Formulierung des Verstummens und der Sprachlosigkeit, mithin als pointierten Ausdruck einer geistesgeschichtlichen Situation“.

Worin ist die Sprachlosigkeit der Kunstgeschichte begründet, wenn es um die konkrete Benennung abstrakter Begriffe in der zeitgenössischen Kunst geht? Jahrhunderte lang waren die Kunstbetrachter gewohnt, dass ungegenständliche Begriffe in der bildenden Kunst in menschliche Gestalten, also in Personifikationen oder Allegorien übertragen wurden. Das Mittelalter benutzte Frauen- und Männergestalten zur Darstellung von Tugend, Laster und Glück (in der Gestalt der Fortuna), die Renaissance verbildlichte Wucher und Tyrannei, die Stillleben des flämischen Barock den leeren Schein (lat. vanitas) und die fünf Sinne. Bei Delacroix sehen wir, dass die „Freiheit“ in Gestalt einer halb nackten Fahnenträgerin das Volk anführt, bei Caspar David Friedrich, dass man die „Gestrandete Hoffnung“ einer nationalen und demokratischen Erneuerung als Schiffswrack „Im Eismeer“ darstellen konnte. Die Symbolisten trieben am Ende des 19. Jahrhunderts die Verschlüsselung abstrakter Begriffe in Figurenszenen und Landschaften auf die Spitze. Edvard Munch, der seine Figurenbilder mit abstrakten Begriffen wie Angst, Eifersucht, Einsamkeit oder Melancholie betitelte, tat dies noch bis ins Jahr 1913. Es verwundert daher nicht, dass ein zunächst radikales formal-ästhetisches Experiment wie das im selben Jahr von Malewitsch gemalte „Schwarze Quadrat auf weißem Grund“ für die Kunstkritik keine abstrakten Themen des menschlichen Erlebens besetzen konnte.

Die Künstler hatten damit weniger Probleme. Willi Baumeister formulierte Mitte der Fünfzigerjahre die Verbindung zwischen ungegenständlicher Formenwelt und abstrakter Begrifflichkeit: „Die abstrakten Formen können wirkliche Kräfte enthalten, bewahren oder aufnehmen … Ungegenständliche Ausprägungen des menschlichen Geistes sind dem Transzendenten geöffnet.“ Der französische Tachist Jean Miotte setzte ungegenständliche Malerei mit der abstrakten Welt des Geistigen und der Gefühle gleich: „Malen ist eine Handlung, ein Bewegungsablauf, den man in sich trägt, der seinen Ursprung im Inneren hat.“ Andere, wie die amerikanischen Maler des Action Painting Bradley Walker Tomlin und Clyfford Still oder die Maler des europäischen Informel Hans Hartung und Pierre Soulage, widersetzten sich den ewigen Vergleichen mit der gegenständlichen Malerei und dem Zwang, Bildtitel erfinden zu müssen, indem sie ihren Bildern Nummern gaben oder sie mit dem Datum ihres Entstehens betitelten.

Seitdem sind über fünf Jahrzehnte vergangen. Auch wenn sich bislang keine ein- oder auch mehrdeutige Ikonographie – also eine Kunde von den Themen, Motiven und Inhalten – der abstrakten Kunst herausgebildet hat, so verfügen wir jedoch durch die literarischen Beschreibungen der vergangenen Jahrzehnte über ein breites Spektrum an Konnotationen, also emotionalen Vorstellungen, die wir mit den einzelnen Phasen der abstrakten Kunst verbinden. Mit der Malerei von Max Bill und seinen Nachfolgern verknüpfen wir die Faszination für Maß und Zahl, das Konkrete und die Reinheit der Mittel, mit der von Paul Lohse die Harmonisierung von Mensch und Umwelt. Die Malerei des Informel steht für den Ausdruck und die Handschrift des Malers, Baumeister für das Transzendente und die Einsetzung einer Ordnung über das Chaos, die Gruppe COBRA für den leidenschaftlichen Ausdruck, Tapies für die Urformen der Menschheit, das Action Painting für den psychischen Automatismus, die amerikanische Farbfeldmalerei mit Barnett Newman und Mark Rothko für die reine Idee, Vision, Erleuchtung oder die Endlosigkeit des Raums, die Farbschöpfungen von Otto Piene für Licht und Energie – um nur einige dieser Konnotationen zu nennen, die teilweise aus den Selbstäußerungen der Künstler stammen.

Während die Künstler des zwanzigsten Jahrhunderts ihrem einmal gefundenen Ausdruckssystem treu blieben (niemals wurde aus einem Tachisten später ein Farbfeldmaler oder umgekehrt), fügt Stephan Haimerl diese verschiedenen Ausdruckssysteme und die mit ihnen verbundenen Konnotationen in einem Bild zusammen. Das ist ebenso neu wie verblüffend. In seinem Bild „rasenstück“, einer Arbeit auf Papier, sehen wir an den seitlichen Rändern aus dem Lot geratende, gerade begrenzte Farbbalken, die wie bei den Künstlern der Gruppe De Stijl um 1920 eine neue Ordnung, ein an Licht, Farbe und Konstruktion orientiertes neues System andeuten können. In der unteren rechten Ecke auf der sonst weiß belassenen Fläche finden wir dagegen eine mit Farbstiften gekritzelte Linienfigur, die an Cy Twomblys Schriftbilder vom Ende der Sechzigerjahre erinnert. Mit ihnen verbinden wir chaotische Zustände von Liebe, Sexualität und Gewalt. In Haimerls großem Acrylbild „4 C“ begegnet uns verhaltenes Action Painting wie bei Clifford Still, in dem die Spuren, Überdeckungen und Grate des breit gestrichenen Schwarz ebenso sichtbar bleiben wie die Laufspuren der darunter liegenden orangen Felder. Darüber fallen wie Blätter sorgfältig abgeklebte blaue Figuren in Formen minimalistischer Malerei, wie wir sie von Richard Tuttle kennen. Hier überlagern sich das Interesse am Malprozess, die malerische Gebärde und die Auseinandersetzung mit der Farbe auf der großen Bildfläche und der Gegensatz zwischen Gegenständlichem und Abstraktion in den geometrisch begrenzten fallenden blattähnlichen Formen.

Breit gestrichenes Action Painting finden wir in dem kleineren Acrylbild „tuempeltaucher“, darüber aber schwarze expressiv hingeschriebene Bildzeichen wie bei Pierre Soulage oder Franz Kline. Bei den größeren Acrylbildern „redouten“ und „monstern“ liegen darüber jedoch abgeklebte rote oder hellblaue Kreuze und Keile oder schwarzgelb gemusterte Warnbaken, die auf Pop Art oder Zeichensysteme der technisierten Umwelt hindeuten. Eine missglückte Form des Möbiusbandes – wie der Künstler selbst titelt – liegt einmal über grau gestrichenen Flächen, mutiert in dem Bild „wndrschn“ zu einer Struktur des psychischen Automatismus oder in dem Acrybild „im trüben fischen“ zu einem mit der Spraydose geschriebenen Tag, wie wir es aus der Graffiti-Kunst kennen. In Haimerls Bildwelt überlagern sich also nicht nur Bedeutungsebenen, sondern auch Zeitstufen, die die Entwicklung der abstrakten Kunst von ihrem Beginn bis heute neu interpretieren. Das führt uns nicht nur die Komplexität der uns heute zur Verfügung stehenden visuellen Erfahrungen, sondern auch die damit verbundenen inhaltlichen Konnotationen vor Augen.

Thomas Hartmann, Professor an der Akademie der bildenden Künste in Nürnberg, bei dem Haimerl seit 2008 Meisterschüler war, sah in dessen Bildern das „Lebensgefühl der Dreißigjährigen“: „Ähnlich den DJs in den Clubs mixt er visuelle Elemente. Nicht nur das. Stephan Haimerl kombiniert die Versatzstücke populärer Kultur mit den Errungenschaften der künstlerischen Bildsprache aus den letzten Jahrzehnten, wie Informel, Action Painting, monochrome Farbfeldmalerei, Pop-Art. Er macht Anleihen von Polke bis Majerus und versucht, die Grenzen seiner Malerei neu auszuloten.“ Haimerl selbst charakterisiert seine Malerei als „einen Aspekt des Zusammensetztens“: „‚Ich setze zusammen‘ kommt daher, wie ich ein Bild aufbaue, wie ich einen Bildraum organisiere, um so etwas wie Tiefe oder Perspektive zu bekommen, aber auch etwas wie eine Geschichte, etwas Narratives oder auch völlig Unverständliches zusammenzusetzen, aus Teilen, die im ersten Moment gar nicht zusammengehen. Eine flächige Farbfeldmalerei und eine feine lyrische Linienzeichnung, oder eine klar abgegrenzte, abgeklebte Form, die neben einem fetten, schrundigen rakelzug oder einem rotzigen sprayflecken steht.“ Tatsächlich legt Haimerl bei seiner Malerei den größten Wert auf die Materialität: auf die Wirkung eines speziellen Papiers, die optische und haptische Ausstrahlung einer Farbe und einer Struktur, die Wirkung eines künstlerischen Duktus, das Erscheinungsbild einer gestalteten Fläche.

Der an der Kunstgeschichte geschulte Betrachter sieht hier jedoch nicht nur wie Hartmann ein postmodernes Lebensgefühl, das frei über den Formenschatz der Vergangenheit verfügt, nicht nur den eher technisch-malerischen Vorgang wie der Künstler selbst, sondern auch das Zusammenfügen von abstrakten begrifflichen Konnotationen, die mit den unterschiedlichen künstlerischen Strategien und Zeichensystemen verbunden sind. Dieses Zusammenfügen erzählt uns auf der intellektuellen Ebene eine „Geschichte, etwas Narratives“, nämlich über die Diversität, also die Veränderung, Abwechslung und Vielfalt des Daseins in der Bildsprache der abstrakten Kunst. Haimerl sieht keinen grundlegenden Unterschied zwischen gegenständlicher und abstrakter Malerei. Ein wie auch immer gesetzter Farbfleck, eine gestisch mit breitem Pinsel gestrichene Farbfläche sind für ihn Abbildungen farbiger Ereignisse und damit gegenständliche Malerei. Für uns besitzen diese farblichen Ereignisse nach der Erfahrung mit fast genau einhundert Jahren abstrakter Kunst so zahlreiche emotionale Vorstellungen, dass eine Unterscheidung zwischen gegenständlicher und abstrakter Malerei nicht mehr zwingend ist, vor allem, wenn es um den erzählerischen Gehalt des Dargestellten geht.

Ob diese inhaltlichen Konnotationen bewusst oder aus dem Unterbewusstsein in den malerischen Vorgang einfließen, wird dann unerheblich, wenn wir sie der Erfahrung, dem Können, dem Intellekt und natürlich auch dem kunsthistorischen Wissen des Künstlers zuschreiben. Gerade im Hinblick auf das Action Painting, das einen wichtigen Teil von Haimerls Kunst ausmacht, ist immer wieder auf das Zusammenwirken verschiedener Bewusstseinsebenen hingewiesen worden. Der Ausstellungstitel „eindeutig nicht reversibel“ mag auf die Technik des Malvorgangs gemünzt sein; denn gestische Malerei in lasierenden Farben mit gesprühten Flächen und feinen Linien wäre nur dann umkehrbar, wenn man die Leinwand pastos übermalen würde, und das ist nicht Haimerls Technik. „Ein archaisches Erschrecken vor der existenziellen Endgültigkeit“, so der Untertitel, kann ebenso auf die Erkenntnis unbewusster Faktoren beim Malvorgang wie auch auf das Mitschwingen inhaltlicher Konnotationen abheben, die sich für die abstrakte Kunst herausgebildet haben. Nicht nur das Zusammenfügen erzählerischer Elemente, auch das Arbeiten auf mehreren Erzählebenen ist also charakteristisch für die Werke von Stephan Haimerl.

Dies gilt ebenso für die Bildtitel. „Rasenstück“ für eine expressiv gekritzelte Figur auf weißem Grund mit seitlichen konkreten Farbbalken mag eine Transformation des berühmten Werks von Albrecht Dürer in die moderne Zeit sein, eine Hommage an das künstlerische Vorbild, vielleicht und noch eher eine Persiflage, für andere, denen Dürers „Rasenstück“ kein Begriff ist, ein Bezug zur Natur und ein Hinweis auf die Möglichkeiten der Abstraktion. Vielleicht erinnerte sich der Künstler bei seinem spontanen Gekritzel an das Gewusel natürlicher Strukturen und einzelne herausragende Halme in einem Rasenstück, vielleicht bezeichnet der Titel aber auch nur den Tag, an dem der Künstler Dürers „Rasenstück“ erneut gesehen und anschließend seine eigene Arbeit geschaffen hat. In jedem Fall fügen Haimerls Bildtitel, die auch literarische Schnipsel aus Sprichwörtern („im trüben fischen“), Songtexten („tage wie diese“) oder Fernsehsendungen („nightswatch“) sein können, dem Bild, das ohnehin über mehre Erzählebenen verfügt, zusätzliche Erzählstränge hinzu, die der Betrachter für sich selbst weiterspinnen kann. Einmal gefunden sind auch diese Titel „eindeutig nicht reversibel“, denn so wurden die Bilder im Katalog benannt, so wurden sie verkauft oder als Foto im Dateiordner abgelegt. Von da an müssen der Künstler und die Betrachter mit dem Titel und den mitschwingenden Bedeutungsebenen leben.

Wandarbeiten von Stephan Haimerl, die teilweise auch den Fußboden mit einbeziehen, gab es seit 2006 als temporäre Werke auf verschiedenen Ausstellungen des Künstlers. Als permanente Kunst im Innenraum befinden sich solche unter anderem seit 2011 in einer Ausbildungsstätte der Handwerkskammer Nürnberg und seit 2013 in der Nürnberger Sparkasse. Diese Arbeiten stellen eine besondere Herausforderung für den Künstler dar; denn einen künstlerischen Duktus, eine spontane Struktur oder Action Painting ins große Format und auf den oberen Teil einer Wand zu übertragen, geht nicht ohne technische Hilfsmittel. Dennoch verzichtet der Künstler nicht auf den spontanen Zugriff. Welche Teile aus einem vorangegangenen Entwurf übertragen, welche spontan auf der Wand entstanden sind, wird zum Denkspiel für den Betrachter. „Eindeutig nicht reversibel“ ist so eine Arbeit, wenn sie wenige Stunden vor der Eröffnung fertiggestellt wird. Ihre „existentielle Endgültigkeit“ verliert sie, wenn die Wände des Raums einer neuen Nutzung zugeführt werden. Bei einer Wandarbeit schwingt in jedem Fall das Temporäre als Konnotation mit, denn auch die Lebensdauer von permanent genutzter Architektur ist endlich.

Nürnberger Nachrichten am 18.09.2010

Großstadt und Straßenkampf wären Anknüpfungspunkte zu Stephan Haimerl, der im Kunstverein Kohlenhof „malereimalerei“ präsentiert. Doch steckt in den Werken des Nürnbergers viel mehr rebellische Energie. Es sind Bilder des Aufbegehrens gegen jede Art von Stillstand, zuweilen düster, aber zugleich ansteckend frisch und lebendig.

Auf den ersten Blick betreibt Haimerl ein pures Spiel mit Farbflächen – Schwarz, flammendes Orange, Rosarot und Himmelblau prallen da ungebremst aufeinander. Dann entdeckt man überraschend Figürliches. In dem Großformat „Freunde von Krabat“ etwa drängt sich ein grüner Fleck mächtig in den Vordergrund, doch seine Konturen bilden zwei Menschen mit Masken.

Für Punk, Trash und Anarchie hat der 35-Jährige durchaus Sympathien. „Ein kleiner Revoluzzer bin ich schon“, sagt er. Doch vor allem ist er ein besessener Maler, der mit Materialkontrasten und vielfachen Farbschichten die Malerei selbst zum Thema macht und dabei Bilder schafft, die noch in der reduziertesten Form von größter Spannung sind.

Vertigo GoGoGo

Auch wenn es Stephan Haimerl abstreitet, es hat seine Bewandtnis mit dem Titel. Eine Coburger Kneipe soll Pate gestanden haben. Allerdings hieß sie „Vertico“ mit „c“. Weil Stephan Haimerl nicht David Reed ist, kann eine Anspielung auf Hitchcocks berühmten Film ausgeschlossen werden. Bleibt der medizinische Fachausdruck für Schwindel. Ein Phänomen, dem der Künstler ganz offensichtlich Lust abzugewinnen weiß – wie sonst ließe sich das dreifache angehängte „Go!“ verstehen. Ein Anfeuerungsruf, nicht nachzulassen, nicht aufzuhören. Immer weiter, immer schneller, auch wenn einem schon ganz schwindelig ist. Das ist der Anspruch des Malers Stephan Haimerl. Besser hätte er ihn nicht formulieren können.


Um Schwindel Bild werden zu lassen, bedarf es einer gehörigen Portion Erfindergeistes. Hitchcock visualisierte Scotties Höhenangst, indem er gegenläufig zur Kamerabewegung in das Treppenhaus des Glockenturms hineinzoomte. Die Mittel des Malers, den Betrachtern seiner Bilder den sicheren Boden unter den Füßen wegzuziehen, gleichen Hitchcocks Kameraeffekt. Sie verschmelzen ebenfalls Widersprüchliches zur unauflösbaren, irritierenden Erlebniseinheit: Flächiges und Räumliches, Figuratives und Abstraktes, Transparentes und Opakes, Glänzendes und Mattes, Leuchtendes und Fahles, Gestisches und Gezirkeltes, Ungelenkes und Raffiniertes. „Das Unterschiedlichste und Widersprüchlichste in möglichster Freiheit lebendig und lebensfähig zusammenzubringen“, hat Gerhard Richter einmal als Ziel seiner Malerei definiert. Damit hat er der „Malerei nach dem Ende der Malerei“ einen Ausweg aus der Sackgasse des Selbstausdrucks eröffnet.


Das Malen von Bildern ist seitdem nicht leichter geworden. Stephan Haimerls Malerei lässt den Kampf um das Bild, dessen Widersprüche sich nicht auflösen, nachvollziehbar werden. Denn zu viel Komposition bedeutet den Tod des Bildes. Zu wenig davon und die Widersprüche greifen nicht. So verstandenes Komponieren sucht nicht den harmonischen Ausgleich, sondern die Aktivierung des Unversöhnlichen. Je nach Format gestaltet sich das Problem unterschiedlich. Entsprechend können kleine Bilder nicht einfach nur aufgeblasen werden. Und umgekehrt. Stephan Haimerl, der immer wieder von groß zu klein und zurück springt, spielt auf zwei verschiedenen Klaviaturen.
Der Griff zu Comic und Schrift, offensichtlich inspiriert durch Michel Majerus, verkompliziert sein Spiel noch, anstatt es zu vereinfachen. Versatzstücke, sichtlich ohne allzu viel Bedeutung, dafür mit der Anmutung des Rotzigen und Subkulturellen im Gepäck. Sie sitzen an den richtigen Stellen, also dort, wo es wehtut. Sie sind Pfähle im Fleisch der „Malereimalerei“, von der Haimerl spricht, also einer sich selbst genügenden Malerei. Straße versus Museum. Einer der vielen Kämpfe, denen Stephan Haimerls Malerei eine Arena bietet.


Es geht laut darin zu: Vertigo GoGoGo!

 


Thomas Heyden

Protokoll zum Besuch im Atelier von Stephan Haimerl

stephan Haimerl hat mich gebeten einen Katalog-Text zu schreiben.
weil er das so gekonnt charmant getan hat, habe ich ja gesagt. kurz darauf kommt es mir komisch vor, daß er, der jahrelang malerei studiert hat ausgerechnet eine zeichnerin fragt. ob er weiß, daß Zeichner mit unter bescheuerte vorurteile gegenüber malern haben? zum beispiel: maler sind doof, maler finden sich wichtig...

zeichner sind aufgrund der kargheit ihrer mittel (strich) gezwungen sich sich mit reduktion und abstraktion und anderen intellektuelen herausforderungen zu beschäftigen. es gibt unzählige farben und unendliche möglichkeitendiese zu kombinieren. da lohnt es sich nicht zu grübeln. da muss man intuitiv ans werk.

während der zeichner gebückt am tisch schon das neunte blatt zerknüllt und sich einen tee holt, bevor er weiter ohne risiko und sehr kostengünstig striche macht kämpft der maler noch lange mit seinem gemälde. vielleicht bis tief in die Nacht starrt er sein bild und gegner an. malen ist teuer und schon deshalb eine ernste angelegeheit.
wenn ein maler nicht weiß, wann er aufzuhören muss ist das bild futsch. Und sein geld weg.in einem von stephan selbstverfassten katalogtext behauptet er er male nicht, er setze zusammen.

mal sehen, ob das stimmt.

das ehemalige AEG gebäude es ist ein sehr großer, langer, grauer, hässlicher, 3-stöckiger kasten. Lange, enge, schmale gänge, niedrige decken. grauer boden mit teppich oder linoleum belegt. es gehen lauter türen ab. dahinter – nur künstler. als ein künstlerkollege im gang auftaucht und in seinem weißem, ölfarben-bekleckerten kittel aussieht wie ein durchgeknalleter mediziner, frage ich mich : ob so ein atelierbäude gesund ist?

stephan will schnell noch was mit seinem kollegen auf dem gang regeln; ich soll mal kurz warten. herr haimerl organisiert gerne. mir ist schon oft aufgefallen wie breitbeinig er da steht. auch redet er immer mit einem boden-ständigen Tenor - maler sind teritorial.
ist malen männlich?
ist das eine bescheuerte frage.
ich denke nicht.

stephan haimerl hat sein atelier ziemlich weit oben ganz hinten links. auf dem grauem teppichboden hat sein ar-beiten sehr unterscheidliche, schöne flecken auf dem boden hinterlassen. herrlicher, guter alter bunt-unbunt kontrast. in einer umgebung (und welt) die auf vorhersagbarkeit und kontrolle basiert ist zufall ja zu vermeiden.
jetzt ist der tote amtsteppich von stephan wiederbelebt. sehr schön.

was sehe ich in seinem atelier ?
Sprühlack, neonfarben, striche, punkte,
papiere, grafische, plakative elemente, klebeband, folien,
nichtfarben, popmotive, rostfarben, barbierosarot,
gewischtes, geschmiertes, aber auch penibel ausgemaltes,
projeziertes, das episkop gibt indirektes licht ab und erinnert an die ugend, an halbschlaf im unterricht.

bei stephan darf /soll /muss es tropfen, striche, kleckse. es wird wieder übermalt, transparent, deckend, es gibt
gestus, spur, rhythmus, graffitiähnliches, popartanmutendes... kurz: formen, materialien, farben hüpfen, springen, schreien, quietschen einem entgegen - die vielzahl an bildzutaten finde ich sympatisch.
sie sagen mir: alles soll angeboten werden alles soll kombiniert, collagiert werden, alles soll miteinander spielen. es soll an pipi langstrumpf im bonbonladen erinnern.

stephan flezt sich in seinen sessel der 3 m von der malwand entfernt ist. aha, von hier aus nimmt er sein werk in augenschein. stephan sagt: es seien eigentlich immer landschaften. schroff antworte ich: wo eine horizontale, da ist gleich Landschaft. will vermeiden mich kunsthistorisch klappentext-artig reden zu hören.
stepahn sagt er male nicht er setze bilder zusammen.

er arbeitet nicht komplett intuitiv, man sieht: seine bilder sind sehr bedacht. sie sind sorgfältig komponiert.
Farben, formen, duktus und gesten die stilsicher nicht zusammenpassen werden kombiniert, werden in einem
ausgewogenen kräfteverhätnis gesetzt. alles ist gleich wichtig.

ein eigenartiger schwebezustand in seinen großen bildern.

dei klienformatigen bilder wirken mit gekonnt ins gesetzten, eleganten malgesten wie materialstudien. letzteres
klingt in stepahns ohren abwertend, sagt er. - ist von mir aber gar nicht so gemeint.
für mich ist formenvielfalt und spiel mit formalen elemneten eine vollkommen ausreichende und erfrischende kommunikation. ich wünsche mir, daß er auch mal mit einem großem besen malt. in einen farbtopf klatscht und schrubbt. stephan sagt dazu nichts.

haimerls bilder sehen aus wie kontrollierter zufall - oder wie zufällig kontrolliert?
ist ein zufälliger zufall schöner als der kontrollierte zufall?
zufall ist eins der wenigen dinge, die man nicht künstlich herstellen kann.

wo transparent ist, wie er arbeitet, wie das Bild hergestellt ist, finde ich die gesamtkomposition am spielerischten und am gelungensten: jetzt ein starker, dahingeworfener strich, einige kreise, aber mit dem zirkel. schliesslich ist man profi. ha, da fehlt jetzt aber ein komplimentärkontrast, vielleicht aber nicht zuuuu deutlich lieber eine seltsame, geschmackvoll- geschmackslose Farbe - medizinisch; türkis mit babyrosa? tiefe und raum fehlt? dann etwas perpektivisch 3 dimenionales, jawoll!
zack, da ziehen wir striche in die diagonale. nein es braucht noch einen wilderen gestus. bitte hier einen echten klecks, wusch. und als witzige anmerkung daneben, einen ganz, ganz penibel gebauten, quasi unnatürlichen klecks, wie man ihn aus den 80gerJahre klecks aufklebern auf autopopos her kennt . Pink? sprühen? Zuviel? ja das war jetzt zuviel. Mist.

also wieder übermalen aber transparent. dilletantisch. transparent geht nicht mehr, wirkt dann …
wenn übermalen, dann mit lack! oder nehme ich klebeband? wenn ich klebeband nehme, dann muss ich ganz viel
klebänder nehmen, weil das muss vom material her zuende gedacht sein...
hm. hm hmhm. weiß nicht. ich komme morgen wieder. dann schaue ich mir das ganze in ruhe aus 3 m entfernung nochmal an...
oh, vielleicht brauchts doch etwas lyrisches, was sagt mein episkop? gibt es da noch einen interesssanten satz, den ich projezieren kann in meiner sammlung? dieser hier? soll ich ihn lesbar, halblesbar oder unlesbar machen wird es aufgesetzt wichtig? ich gehe jetzt. bis morgen bild - gute nacht

ich sehe ihn zwischen seinem stuhl und der arbeitswand 3 Meter hin und her rennen, oder - auf seinem stuhl lange seine Bilder betrachten

stepan haimerl kocht bilder in seiner farbküche.

ohne rezept aber mit vielen zutaten, kochen und immer wieder abschmecken. ich glaube malen kann doch ganz herrlich sein.

 

E.v. Platen

Neue Presse Coburg am 11.09.2010

Kein Respekt vor weißen Wänden

Ein spannendes Debüt: Stephan Haimerl zeigt im Kunstverein Coburg seine Ausstellung "Vertigo Gogogo".Dieser Mann füllt Wände: Stephan Haimerl schuf für seine Debütantenausstellung im Kunstverein Coburg Kunstwerke auf Zeit. Coburg - Als der Nürnberger Maler Stephan Haimerl das Studio des Kunstvereins Coburg für seine Ausstellung inspiziert, fehlen ihm die Worte. Ein Ausstellungsraum mit lauter runden Wänden! Dass sich darauf Bildtafeln nicht wirklich gut machen, haben wir in dicht gehängten Ausstellungen ja schon oft gesehen. Notlösungscharakter. Doch der 36 Jahre alte Künstler hat für diese Not eine Lösung - und diese ist in seinem Werk keine Ausnahme: Wandmalerei. Mit modernen, plakativ wirkenden Motiven, die die heutige Zeit spiegeln, schafft er in Freskotechnik drei Kunstwerke auf Zeit. Nach Ende der Schau muss er die Wände wieder weißeln, das war die Bedingung.Es ist Haimerls erste große Einzelausstellung. Zu diesem mit einem Katalog begleiteten Debüt verhalf ihm eine Förderung des Freistaats Bayern. Eine gute Handvoll junger Künstler hatten sich beim Coburger Kunstverein für die Debütantenausstellung beworben, die im Wechsel mit der Coburger Förderpreisausstellung alle zwei Jahre dem Nachwuchs ein Forum bietet.Der Absolvent der Nürnberger Akademie der Bildenden Künste beherrscht das kleine wie das große Format. "Es ist immer wieder eine Herausforderung, es zu bewältigen", erklärt Haimerl. Für den Maler bedeutet es auch, die eigene Ungeduld zu zähmen. Wandbilder wie hier im Kunstverein kann man nicht einfach so weglegen, man muss sie fertig stellen."Mein Thema ist die Malerei", erklärt er. Und so lebt die Optik von Haimerls Bildern von starken Kontrasten. Flächigkeit kontrastiert er mit scharfen Linien, Mattem setzt er Glanz gegenüber, dunkle Farben höht er mit knalligen, frische dämpft er mit stumpfen. Die alten Meister sind ihm als Nürnberger ebenso nahe, wie Streetart oder Grafik-Design. Nie ist das Gepinselte oder Gesprühte oder im Siebdruckverfahren aufs Papier Gebrachte Selbstzweck: Haimerl verfolgt sein Ziel, die Malerei zu erforschen, zu hinterfragen.Die Sujets holt sich Haimerl aus unseren heutigen Bilderwelten, doch Graffiti, an die manche Bilder erinnern, hat er nie gemacht. Ein junger, aggressiv wirkender Mann, der den Stinkefinger zeigt, ist bei ihm "Schutzpatron", einer, der sich nichts gefallen lässt, sich für etwas einsetzt. Badende lösen sich in ein grobes Raster aus blauen Farbpunkten auf. Mindi, die Heldin eines Kinofilms, wird zum schwarz-weißen Zerrbild. Menschen tragen Masken oder erscheinen uns fremd in ihren historischen Verkleidungen. Schriftfetzen spielen eine Rolle, schnelle, an uns vorbeiziehende Eindrücke.Diese Ausstellung hält viele überraschende Aha-Momente bereit. Man mag bei dem Titel "Vertigo Gogogo" an Hitchcock denken und sich dabei durch die schwindelig machende Lust Haimerls an Dynamik bestätigt sehen. Nicht ganz aus der Welt ist auch die andere These: Dass die Coburger Kneipe "Vertico" schuld dran war ...

Gerry Schmidt zur Ausstellung im KV Coburg

Da streckt mir einer den Mittelfinger entgegen: So ein Kerl mit Sturmhaube und Gesichtsschutz, so ein Hau-Drauf, Besserwisser und Vornedran. Stephan Haimerl nennt ihn „Schutzpatron“. Soo harmlos schaut der nicht aus. Wirklich harmlos wirkt jedoch der andere, der Zartbesaitete, der abwesend mit seinem Koffer in der linken Hand dasteht – kaum wahrnehmbar.

Beide liegen sie vor mir: zwei Zeichnungen, am Bildschirm bearbeitet, auf Transparantfolie ausgedruckt, am Leuchttisch von unten erhellt und der Diskussion um ihren gestalterischen Einsatz ausgeliefert.

Nun ist es an der Zeit, zu erklären, worum es hier überhaupt geht. Stephan Haimerl steht neben mir in der Werkstatt für Siebdruck an der Akademie der Bildenden Künste in Nürnberg, deren Möglichkeiten er als Student kräftig genutzt hat, entspricht doch der Aufbau eines manuellen Siebdrucks dem Schrittweisen vorgehen in seiner Malerei.

Für seine Debütanten-Sache braucht er noch zwei Druckgrafiken, für deren Erstellung wir gerade die Strategie entwickeln. Wir schneiden das Papier: Maxi-Offset, 250g, reinweiss. Papier oder Leinwand, das bedeutet erst einmal das große, weiße Nichts gegen die künstlerische Vorstellung, die sich vielleicht geradeeinmal briefmarkengroß im Kopf eingenistet hat.

„Ein Maler, der mit seinem Pinsel links oben anfängt und rechts unten aufhört, bleibt immer in der Demut vor dieser weißen Bedrohung gefangen“. Diese Bemerkung von mir ist eigentlich überflüssig, weiß ich doch daß Haimerl genau aus diesem Grund den Erstschlag schon geplant hat. Nach dem ersten Druckvorgang attackiert eine oranggelbe, klecksartige Farbfläche das Papierweiß. Das kommt jedoch nicht aus der Hüfte geschossen daher, sondern genauestens anvisiert und präzise kalkuliert, was die anschliessenden partiellen überdruckungen mit kaltem Gelb und dumpfem Grün beweisen.

Um die zweite Druckschablone, ein geometrisches Raster nicht allzu akkurat erscheinen zu lassen, verzichtet er auf die einfachere und schnellere Möglichkeit des kreuzweisen abklebens, setzt dagegen Pinsel und Siebfüller ein, was sich später beim Druck des hellen Blau als richtige Entscheidung zeigen wird. In ähnlicher Weise wurde parallel zu diesen vier Arbeitsschritten die zweite Druckgrafik aufgebaut: Hellgraue Mäander verzahnen sich hier am linken Rand einer blauen Fläche, an die unten teilweise überlappende rote Formen angehängt sind.

Zwei Zustandsdrucke mit gleichen Voraussetzungen.

Alle gestalterischen Vorgänge bisher sind von Hand erstellt worden, Farbe und Form, Struktur und malerische Valeurs, Schicht über Schicht. Das ist Malerei die sich direkt vermittelt im Gegensatz zu Malerei, die sich durch Abbildung mitteilt. - Doch wie wirklich ist Abbildung ?

Bei Stephan Haimerl ist ein Farbklecks kein Zufall, sondern die Abbildung eines zufälligen Farbkleckses, also gegenständliche Malerei durch definition eines Farbkleckses als wirkliches Ding.

Unsere Wahrnehmung von Wirklichkeit ist nur eine Übereinkunft, und wir sind beleidigt, wenn die Denkschablonen verschoben werden... Wenn wir hören „Schutzpatron“ und „Typ mit Koffer“, die beiden anfänglich beschriebenen Kerle, schalten wir schon um auf Gewohnheiten von Wahrnehmung. Sehen wir einen Kopf, einen Finger, ein Auge, dann wähnen wir uns in Sicherheit, ohne zu reflektieren, wie die beiden Figuren wirklich erscheinen. Aber - nichts anderes als gepixelte Figurenskelette sind sie - verwandelt in ab-strakte Zeichen, die auf ihren Einsatz warten, das Bildgefüge zu stören und uns zu irritieren.

Doch genug jetzt mit inhaltlichen Spekulationen. Ein Sieb ist zu entschichten und für den Belichtungs-vorgang vorzubereiten. Denn die beiden Kerle auf Folie haben jetzt ihren Auftritt.

Als der mit dem Mittelfinger dann schwarz probegedruckt auf dem Blatt steht, wirkt er etwas zu aktiv bei seiner Aufgabe. Wir meinen, ein Violett-Grau stünde ihm besser und haben recht.

Figuren tauchen in Stephan Haimerls Arbeit nur schemenhaft, nur angedeutet auf. Sollten sie dennoch ihren Anspruch auf Wirklichkeit zu geltend machen, werden sie mittels Überstreichung mit Farbe auf ihren hierarchischen Platz verwiesen. Deshalb kriegt der Aufmüpfige über seine Brust eine helle schlammfarbige, Fläche übergezogen und damit ist gut, der Druck ist abgeschlossen.

Der andere jedoch, der sensiblere, der Kofferträger, der, der nicht so wichtig tut, wehrt sich länger, gibt nicht so leicht auf. Nach dem Probedruck steht er sehr isoliert auf dem weißen Papier, muß weiter in die blaue Fläche rein. Das tut der Figur gut, steht sie nun als feine, silbrige Zeichnung auf dem Blau, aber das gesamte Bildgefüge hat jetzt etwas an halt verloren. Mit einem transparenten, dunklen Violett wird die graue Fläche links unten stabilisiert, aber: etwas fehlt noch – etwas Farbe

Ich versuche das Rot zu definieren, weiß nicht wie, bis Stephan sagt, „Das ist ein Rot, dass erst noch eins werden will“.

Ich sage „ Dagegen braucht es noch ein jugendliches Grün“

Wir meinen: „auf der horizontalen Linie, leicht versezt.“

 

Das wars.

Das Terrain ist befriedet, die Farben jubeln,


Stephan Haimerl braucht jetzt erst mal ein Glas Wein.

Im Gespräch mit Andreas Pytlik

A.P: stephan, wir haben uns vor etwa 10 jahren in TS kennen gelernt, als du am anfang deiner künstlerischen laufbahn warst und dich in vielfältiger weise ausprobiert hast. du hast damals mit lichtinstallationen und performances experimentiert, du hast gemalt und auch musik gemacht. heute sitzen wir in deinem nürnberger atelier. zwischen damals und heute liegt dein studium an der akademie in nürnberg und vor dir der erste größere schritt in das draußen...

S.H: ja, das stimmt, ich eröffne im herbst meine debütantenausstellung.

A.P: was wird zu sehen sein?

S.H: nun, zum einen wird es natürlich neue arbeiten zu sehen geben, aber ich werde auch arbeiten von vor zwei jahren zeigen, einige sind auch noch nie gezeigt worden, und weil´s halt einfach gute arbeiten sind. es sind auch sachen, die eine basis darstellen für neues; ich will, dass in der ausstellung entwicklungen sichtbar werden.

A.P: also eine klassische debütantenausstellung, so richtig mit allem drum und dran...

S.H: es sind ja, seitdem ich aus der aka raus bin, auch dinge passiert und deshalb ist es für mich wichtig, in dieser ausstellung ältere und neuere arbeiten zusammenzustellen.

A.P: was sind denn für „dinge“ passiert?

S.H: eine ganz wichtige entwicklung ist das arbeiten auf papier...

A.P: warum?

S.H: in der aka war es mir nahezu unmöglich auf papier zu arbeiten, das hat sich erst hier entwickelt.

A.P: ?

S.H: zum einen war es eine platzfrage. papier ist völlig anders als eine leinwand, papier will ganz anders behandelt werden. eine leinwand kann ich ganz schnell mal woanders hinstellen, die kann auch mal umfallen, papier ist da empfindlicher, muss sorgsam beiseite gelegt werden, um dann später da- mit weiter arbeiten zu können. meine sachen entstehen ja oft über einen langen zeitraum, in dem ich einen aspekt mache und den dann erst mal überdenken muss, darüber nachdenken muss, also geistig bearbeiten muss, was denn jetzt eigentlich passiert ist, um dann nach etwas zu suchen was das bild jetzt noch braucht. deswegen konnte ich dort diese papierarbeiten nicht machen, weil ich dafür den platz nicht hatte, die papiere so beiseite zu legen, dass sie nicht schaden nehmen. und zum anderen, war ich damals einfach viel zu unruhig...

A.P: du warst also dem weichen, nicht so widerstandsfähigem des papiers nicht gewachsen, um da ent-sprechend weich und poetisch heranzugehen. das arbeiten auf papier kann ja manchmal eine größere poesie enthalten. das werken darauf ist oftmals nicht so groß wie auf einer leinwand. und das kam dann aber erst nach der aka, ist also ein weiterer prozess. ich würde sogar sagen ein stück freiheit in deiner arbeit, das papier mit reinzunehmen.

S.H: freiheit beschreibt es sehr gut, denn gerade die papierarbeiten lassen ja viel freiraum, das papier darf wirken, darf vorhanden sein, was ich auf der leinwand oft versucht hab, aber im grunde nie so richtig bewältigt habe.

A.P: das ist die poesie der materialität von papier. papier hat was ganz anderes als leinwand.

S.H: leinwand hat immer den drang vollgemacht zu werden und papier ist für sich selbst schon so viel, dass ich so eine gewisse geschwindigkeit wunderbar darstellen konnte. das geht auf leinwand eigentlich überhaupt nicht.

A.P: es gibt wenig leute, die es schaffen, mit wenig auf einer leinwand etwas zu produzieren, was auch bestand hat. sehr häufig wird’s ganz dünn und oftauch beliebig. das ist auf papier anders, auf papier kann ein richtiger strich eine sensation sein.

S.H: eine setzung, eine linie, ob die was darstellt oder nicht, ist egal, aber die kann auf papier funktionieren und für sich selbst stehen. auf der leinwand ist das nahezu unmöglich, denn die braucht immer so etwas wie hintergrund, etwas schon gemaltes, wo ich dann was draufsetzen kann. wenn man sich aber auf diese mittel beschränkt, dann bekommt es sehr leicht so was... genialisches.

A.P: da steckt aber auch gefahr drin, man überlistet sich ja dabei auch gern selbst, wenn man etwas macht, etwas genialisches... oft braucht man ja zeit, das was du sagst, du musst das erst mal geistigg bearbeiten, und dann kommt man drauf, dass manches ein effekt war, über den man dann hinweggehen muss. wo man dann auch den mut haben muss, das auch wieder zu zerstören, um dann damit auch wieder wei-terzukommen.

S.H: ich finde das ganz interessant, dass du gerade den begriff effekt reinbringst, im zusammenhang mitgenialisch. effekt, steh ich voll drauf, find ich voll gut... genialisch ist bei mir nicht wirklich positiv, ganz im gegenteil... genialisch ist der moment, etwas einfach so stehenzulassen und zu sagen, boah - jetzt hab ich aber was großes geschaffen. das gilt für mich nicht…

A.P: ein gesetzter effekt, und du setzt ja effekte...

S.H: ja! mit anlauf !!!

A.P: ganz bewusst und vorsätzlich, dagegen gibt’s ja nichts einzuwenden... ist ja auch eine spannende irritation. aber sag mal, der satz „ich male nicht, ich setze zusammen“ ist ja von dir...

S.H: ja... ! ? !

A.P: was hast du gegen malerei???

S.H: äh... gar nichts! ein anderer ausspruch von mir ist: „ es geht um malerei, das ist mal ganz klar!“es geht auf jeden fall um malerei, aber... nun das ist dann die frage: was ist für mich malerei?

A.P: das ist interessant, denn wenn du sagst „ich male nicht“, dann ist natürlich die frage, was ist für dich ma-lerei, denn “ein nichts” kann´s ja nicht sein...

S.H: hmmm...wie anfangen? das „ich setze zusammen“ kommt daher, wie ich ein bild aufbaue, wie ich einen bildraum organisiere, um so etwas wie tiefe oder perspektive zu bekommen, aber auch etwas wie eine geschichte, etwas narratives oder auch völlig unverständliches zusammenzusetzen, aus teilen, die im ersten moment - und oft im ersten moment - gar nicht zusammengehen. eine flächige farbfeldmalerei und eine feine lyrische linienzeichnung, oder eine klar abgegrenzte, abgeklebte form, die neben einem fetten, schrundigen rakelzug oder einem rotzigen sprayflecken steht. das ist ein aspekt des zusammensetzens, es setzt sich aber eben auch aus malerei und nicht-malerei zusammen, wo jetzt der punkt kommt: was ist für mich malerei...

A.P: und was ist dann für dich malerei?

S.H: also richtige malerei, also malereimalerei ist für mich im grunde, wenn ich, sozusagen als mittler, der farbe die möglichkeit gebe, das zu tun, was sie eigentlich selbst tun möchte. ich bewege den pinsel durch die farbe, also male ich in dem moment im klassischen sinne, ich bewege mit dem pinsel die farbe. malerei macht die farbe selbst. das was passiert, ist malerei. ich geb ihr nur die möglichkeit, ich bin das werkzeug.

A.P: da bin ich kompletteinverstanden mit dir. ich behaupte immer, dass vieles, was als malerei behauptet wird, eine vergewaltigung der farbe ist, etwas darstellen zu müssen... das ist nicht verwerflich, aber die farbe muss ihr stück freiheit bekommen, sie selbst sein zu dürfen! eine reine darstellung hat was langweiliges für mich.

S.H: schön gesagt!

A.P: also ist klar, was für dich malerei ist. aber dann stimmt die behauptung, die etwas radikales hat, und künstler müssen radikale sachen behaupten, das schafft diskussionsstoff, aber diese behauptung stimmt dann nicht, oder stimmt nicht mehr, denn wenn ich mich hier im atelier so umschaue, dann arbeitest du in einem dialog, den du zudem erweitert hast durch das arbeiten auf papier. aber diese behauptung „ich male nicht“, also die stimmt einfach nicht, denn du hast, wenn ich mich hier so umschaue, einige arbei-ten, die sehr malerisch sind. und du hast auch arbeiten, die sind nichts anderes als reine malerei, und das hat sich nach meinem eindruck die letzten zwei jahre verstärkt.

S.H: ja, das stimmt. es ist aber, sag ich mal, auch eine suche. denn diese behauptung, so frech und dreist sie ist, aber auch wahrheit beinhaltet, hat in letzter konsequenz ja nie gestimmt. es ging immer um malerei. nur eben nicht in dem sinne, malerisch etwas darzustellen, sondern darum, malerei darzustellen. und ich hab für mich den weg gefunden, dass ich das, was ich als malerei empfinde, am besten darstellen kann, wenn ich sie gegen etwas stelle, was offensichtlich nicht malerei ist. daher kam dann das ganze samplingding. es kamen schriften, muster, ornamente, lauter elemente, die im grunde alle das gleiche gemacht haben. ich habe mir einen formenreichtum angeschafft, der mir geholfen hat, diesen bildraum anders zu organisieren, spannender werden zu lassen, meine arbeit immer reicher hat werden lassen und da ich mir mit der zeit in meiner sache immer sicherer bin, kann ich mehr und mehr auf das zusammensetzen verzichten und das, um was es eigentlich geht, die malerei, mehr und mehr in den vorder-grund treten lassen und es entstehen diese kleinen formate, die reine malerei sind.

A.P: das finde ich unheimlich spannend, obwohl genau da ja der kunstmarkt eine sau ist, wenn man so will. die wollen ja immer eine wiedererkennung, das heißt, das muss der S.H. sein. aber du arbeitest ja in diesem dialog und das wäre schon sehr spannend, wenn du diesen dialog auch nach draußen trägst in dieser ausstellung und du bist dir da ja treu, du verbiegst dich ja nicht in richtung markt, was ich sehr angenehm finde.

S.H: es ist mir einfach auch wichtig, mich nicht einzuschränken, indem ich nur das oder das mache, sondern im gegenteil mir einen größtmöglichen reichtum an möglichkeiten zu erarbeiten, um auf vielfältige weise zeigen zu können um was es mir dabei geht.

A.P: und um was geht es dir?

S.H: schlussendlich geht es mir um meine sicht auf die dinge, nicht in dem sinn von „die dinge“ wie meine sicht auf die natur oder die gesellschaft oder sowas, sondern meine meinung von und meine haltung zur malerei, was für mich malerei ist. obwohl es auch thematische gruppen mit einem gesellschaflichen bezug gibt.

A.P: wie z.b. ?

S.H: nun, eine gruppe sind diese arbeiten die mit a-gain begonnen haben, A – für anarchy und gain für aufdrehen/verstärken. dann steckt natürlich auch again drin, für immer und immer wieder, wo ich an diesen endlosen und nicht zu gewinnenden und deshalb absurden kampf der linksradikalen denke, gegen “das establishment!“, das es als solches gar nicht mehr gibt, denn den einen feind im klassenkampf gibt es nicht mehr, eigentlich gibt es viel zu viele feinde als dass man an einer front gewinnen könnte. und diesem linken kampf wollte ich sozusagen ein denkmal setzten und habe mehrere bilder dazu gemalt und werde auch immer wieder welche malen...

A.P: aber dieser ansatz, eine gesellschaftliche auseinandersetzung, ist bei dir wiederum nur eine facette,also ein teil, aus dem du deine bilder zusammensetzt, und nicht in dem sinne etwas, was dir vordergründig am herzen liegt.

S.H: es ist nicht so stark, dass ich alles darauf ausrichten würde...

A.P: und so ist das, was du gesagt hast, du malst nicht, um so mehr ein widerspruch, denn eigentlich kommen wir immer mehr drauf, dass du ein astreiner maler bist! aber das gegenteil von etwas ist ja oft notwendig, um das eigentliche herauszufinden. diese kleinen formate, die ja sehr malerisch sind, setzt du dich da dann hin und sagst dir: „jetzt mach ich ein malerisches bild?“

S.H: also... nein, im grunde passieren diese sachen nebenher. aber es ist ja auch eine sache von stimmung. es hat ja auch mit der reinen lust am material farbe zu tun. die arbeit hier drüben ist ja sehr konstruiert und komponiert und das kann ich nicht immer machen, das geht mir auch oft auf die nerven und dann muss einfach auch raum sein für freieres, letztenendes emotionales. es ist aber nicht so, dass ich meine pinsel auf der leinwand ausstreiche und dann hinterher sage: „oh, das ist ja ein bild...”

A.P: nein, man sieht ja, dass du dich auch mit diesen kleinen formaten auseinandersetzt.

S.H: ja, das stimmt. es sind halt unterschiedliche grundstimmungen. aber die auseinandersetzung und die zeit, die ich mich dann damit beschätiige, die ernsthaftigkeit, ist die gleiche. es steht halt dann das interesse im vordergrund malerei zu machen, ohne zu collagieren oder „zusammenzusetzen“.

A.P: also geht’s dann um die lust an der farbe, denn farbe hat ja eine lust an sich selbst. das außen, die auseinandersetzung mit dem, was dich beschäftigt, und den gedanken an die linke, fällt hier dann komplett weg.das ist für mich etwas, was man auf den künstler übertragen kann, denn es geht ja auch um die person des künstlers, die emotionalität und die lust, etwas zu machen und diese freiheit, das auch zu genießen, wenn das intellektuelle wegfällt. das hat eine ganz eigene qualität und ist für mich auch eine qualität in einer künstlerischen arbeit, die ich sehr schätze, dieses - sich frei machen können.

S.H: diese freiheit musste ich mir aber auch erst erarbeiten und das auch zulassen. gerade auch nach dem studium, wo man ja im studium in einer permanenten auseinandersetzung ist, sich ständig behaupten muss, selbst wenn die auseinandersetzung nicht immer verbal geführt wird. aber wenn man da grad mal hergeht und heut das macht und morgen was anderes, da ist man dann ganz schnell der, der keinen weg hat.aber diese freiheit musste ich mir erst erarbeiten, auch etwas anderes zu machen und dabei etwas zu finden, was meiner arbeit an sich entspricht, aber für sich selbst bestand und qualität hat.

A.P: von daher ist es, wie ich finde, der perfekte zeitpunkt für deine debütantenausstellung.

S.H: das sehe ich auf jeden fall auch so :)

A.P: eine frage gibt es noch. ich weiß ja von dir, dass du früher, als wir uns kennengelernt haben, vor ungefähr 10 jahren, da hast du auch installativ gearbeitet. die letzte installative arbeit, die auch auf deiner homepage zu sehen ist, ist dieses bad, das du mit farbe füllst. ist das für dich nach wie vor noch eine möglichkeit, so zu arbeiten?

S.H: insofern ja, dass ich ja meine malerei auch raumbezogen umsetze, sofern ich die möglichkeiten habe. also wenn ich einen raum zur verfügung habe, geh ich natürlich auch auf die wand. die arbeit mit der badewanne, im tiergartenhotel in nürnberg, ist ja auch malerei, irgendwie, nur anders...

A.P: aber objektinstallation, in dem sinn wie die arbeiten, die du gemacht hast, bevor du nach nürnberg gegangen bist?

S.H: du meinst gelbe säcke und so, licht und ton...ja, äh nein, so was kommt nicht mehr vor, das ist nicht mehr das ding.aber wie gesagt, installative malerei, raumbezogen und raumgreifend, direkt auf die wand wird es immer wieder geben, sofern ich die möglichkeit habe, und das wird auch in coburg der fall sein.

Ein Maler aus Nürnberg

Stephan Haimerl war schon mitten im Studium, als ich die Klasse übernahm. Er vertrat von allen Studenten die gegensätzlichste Position zu mir.

Eine Äußerung von Stephan Haimerl aus dem Klassenkatalog  „PAVILLON 15“ beschreibt am besten seine Arbeitsweise: „ Ich male nicht, ich setze zusammen“.

 Alles, nur nicht klassische Malerei kann für ihn Anlass werden, Bilder zu erfinden. Vor dem Hintergrund moderner Montage- und Collagetechniken spiegeln die Bilder das Lebensgefühl der Dreißigjährigen, Techno und Popart Erfahrenden wieder, in denen verschiedene Sprechweisen ausprobiert und zur Ansicht gebracht werden. Er betätigt sich als Bildersammler der medialen Welt, sammelt Comics, Figuren aus Computerspielen, Logos, Typographien, Magazinausschnitte. Ähnlich den DJs in den Clubs mixt er visuelle Elemente. Nicht nur das. Stephan Haimerl kombiniert die Versatzstücke populärer Kultur mit den Errungenschaften der künstlerischen Bildsprache aus den letzten Jahrzehnten, wie Informel, Action Painting, monochrome Farbfeldmalerei, Pop- Art. Er macht Anleihen von Polke bis Majerus und versucht, die Grenzen seiner Malerei neu auszuloten.

Die Formate reichen von hand- bis überlebensgroß, der Bezug zur Skulptur ist vorhanden. Es gibt quietsch bunte und auf wenige Farben reduzierte Bilder, klar lesbare und fast lyrische Arbeiten. Er arbeitet oft assoziativ und raumbezogen. Stephan Haimerl verwendet, was ihm zu Verfügung steht. Er hat Interesse für alles was seine Art von Malerei bereichern könnte. Die Materialien sind oft seltsame, auch banale Dinge des Alltags, neben Acyrlfarben vor allem Leuchtfarben, Sprayfarbe, Klebefolien, alles Utensilien aus denen Bilder entstanden sind. Seine Kunst basiert auf Überraschungen die sich unerwartet ergeben. Dinge werden miteinander verbunden, die sich nicht verbinden lassen. Kompromisse werden nicht geschlossen, Spannungen nicht ausgeglichen. Über allem schwebt die Präzision des Ungenauen. Das Risiko zu scheitern scheut er nicht, es ist eher programmierter Ansporn Neues zu entwickeln. Als Motiv interessiert ihn nur, was auch in verkürzter Form lesbar bleibt. Die Kontur wird oft mit dem Episkop auf die Leinwand geworfen und mit dem Edding umrissen. Die dabei entstehende Umrandung repräsentiert das Hier und Jetzt, die Malerei steht für das Unbenennbare. Denn trotz aller Vermeidung persönlicher Handschrift durch Bevorzugung von Schablonentechniken und eine Vorliebe für Siebdrucke ist dennoch die Malerei als subjektive Äußerung sichtbar. Der Farbauftrag ist manchmal aggressiv, spontan oder auf einem bloßen Anstrich reduziert. Klecks und Laufspuren verweisen auf ein durchaus gestisches Moment.

 Es geht in den Arbeiten nicht darum den Sinn zu entschlüsseln, sondern um das Zeigen einer verschlüsselten Botschaft. Es geht ihm nicht darum ein Lied zu komponieren sondern eher um das Erzeugen eines Sounds.

Künstlerisches Schaffen erfordert ein tägliches Sich mühen, eine genaue Abschätzung seiner Kraft und vor allem eine große Neugier auf alles was ist und was wird. Die besondere Art und Weise in der Stephan Haimerl seine Arbeiten als aktiven Bildraum entwickelt, in dem sich seine Sicht auf die Welt als ein Bild konkretisiert, belegt die Gültigkeit seines Selbstverständnis als Künstler. Ich wünsche Ihm für diesen Weg alles Gute.  

             Prof. Thomas Hartmann

             im Januar 2009