Im Gespräch mit Andreas Pytlik
Im Gespräch mit Andreas Pytlik
A.P: stephan, wir haben uns vor etwa 10 jahren in TS kennen gelernt, als du am anfang deiner künstlerischen laufbahn warst und dich in vielfältiger weise ausprobiert hast. du hast damals mit lichtinstallationen und performances experimentiert, du hast gemalt und auch musik gemacht. heute sitzen wir in deinem nürnberger atelier. zwischen damals und heute liegt dein studium an der akademie in nürnberg und vor dir der erste größere schritt in das draußen...
S.H: ja, das stimmt, ich eröffne im herbst meine debütantenausstellung.
A.P: was wird zu sehen sein?
S.H: nun, zum einen wird es natürlich neue arbeiten zu sehen geben, aber ich werde auch arbeiten von vor zwei jahren zeigen, einige sind auch noch nie gezeigt worden, und weil´s halt einfach gute arbeiten sind. es sind auch sachen, die eine basis darstellen für neues; ich will, dass in der ausstellung entwicklungen sichtbar werden.
A.P: also eine klassische debütantenausstellung, so richtig mit allem drum und dran...
S.H: es sind ja, seitdem ich aus der aka raus bin, auch dinge passiert und deshalb ist es für mich wichtig, in dieser ausstellung ältere und neuere arbeiten zusammenzustellen.
A.P: was sind denn für „dinge“ passiert?
S.H: eine ganz wichtige entwicklung ist das arbeiten auf papier...
A.P: warum?
S.H: in der aka war es mir nahezu unmöglich auf papier zu arbeiten, das hat sich erst hier entwickelt.
A.P: ?
S.H: zum einen war es eine platzfrage. papier ist völlig anders als eine leinwand, papier will ganz anders behandelt werden. eine leinwand kann ich ganz schnell mal woanders hinstellen, die kann auch mal umfallen, papier ist da empfindlicher, muss sorgsam beiseite gelegt werden, um dann später da- mit weiter arbeiten zu können. meine sachen entstehen ja oft über einen langen zeitraum, in dem ich einen aspekt mache und den dann erst mal überdenken muss, darüber nachdenken muss, also geistig bearbeiten muss, was denn jetzt eigentlich passiert ist, um dann nach etwas zu suchen was das bild jetzt noch braucht. deswegen konnte ich dort diese papierarbeiten nicht machen, weil ich dafür den platz nicht hatte, die papiere so beiseite zu legen, dass sie nicht schaden nehmen. und zum anderen, war ich damals einfach viel zu unruhig...
A.P: du warst also dem weichen, nicht so widerstandsfähigem des papiers nicht gewachsen, um da ent-sprechend weich und poetisch heranzugehen. das arbeiten auf papier kann ja manchmal eine größere poesie enthalten. das werken darauf ist oftmals nicht so groß wie auf einer leinwand. und das kam dann aber erst nach der aka, ist also ein weiterer prozess. ich würde sogar sagen ein stück freiheit in deiner arbeit, das papier mit reinzunehmen.
S.H: freiheit beschreibt es sehr gut, denn gerade die papierarbeiten lassen ja viel freiraum, das papier darf wirken, darf vorhanden sein, was ich auf der leinwand oft versucht hab, aber im grunde nie so richtig bewältigt habe.
A.P: das ist die poesie der materialität von papier. papier hat was ganz anderes als leinwand.
S.H: leinwand hat immer den drang vollgemacht zu werden und papier ist für sich selbst schon so viel, dass ich so eine gewisse geschwindigkeit wunderbar darstellen konnte. das geht auf leinwand eigentlich überhaupt nicht.
A.P: es gibt wenig leute, die es schaffen, mit wenig auf einer leinwand etwas zu produzieren, was auch bestand hat. sehr häufig wird’s ganz dünn und oftauch beliebig. das ist auf papier anders, auf papier kann ein richtiger strich eine sensation sein.
S.H: eine setzung, eine linie, ob die was darstellt oder nicht, ist egal, aber die kann auf papier funktionieren und für sich selbst stehen. auf der leinwand ist das nahezu unmöglich, denn die braucht immer so etwas wie hintergrund, etwas schon gemaltes, wo ich dann was draufsetzen kann. wenn man sich aber auf diese mittel beschränkt, dann bekommt es sehr leicht so was... genialisches.
A.P: da steckt aber auch gefahr drin, man überlistet sich ja dabei auch gern selbst, wenn man etwas macht, etwas genialisches... oft braucht man ja zeit, das was du sagst, du musst das erst mal geistigg bearbeiten, und dann kommt man drauf, dass manches ein effekt war, über den man dann hinweggehen muss. wo man dann auch den mut haben muss, das auch wieder zu zerstören, um dann damit auch wieder wei-terzukommen.
S.H: ich finde das ganz interessant, dass du gerade den begriff effekt reinbringst, im zusammenhang mitgenialisch. effekt, steh ich voll drauf, find ich voll gut... genialisch ist bei mir nicht wirklich positiv, ganz im gegenteil... genialisch ist der moment, etwas einfach so stehenzulassen und zu sagen, boah - jetzt hab ich aber was großes geschaffen. das gilt für mich nicht…
A.P: ein gesetzter effekt, und du setzt ja effekte...
S.H: ja! mit anlauf !!!
A.P: ganz bewusst und vorsätzlich, dagegen gibt’s ja nichts einzuwenden... ist ja auch eine spannende irritation. aber sag mal, der satz „ich male nicht, ich setze zusammen“ ist ja von dir...
S.H: ja... ! ? !
A.P: was hast du gegen malerei???
S.H: äh... gar nichts! ein anderer ausspruch von mir ist: „ es geht um malerei, das ist mal ganz klar!“es geht auf jeden fall um malerei, aber... nun das ist dann die frage: was ist für mich malerei?
A.P: das ist interessant, denn wenn du sagst „ich male nicht“, dann ist natürlich die frage, was ist für dich ma-lerei, denn “ein nichts” kann´s ja nicht sein...
S.H: hmmm...wie anfangen? das „ich setze zusammen“ kommt daher, wie ich ein bild aufbaue, wie ich einen bildraum organisiere, um so etwas wie tiefe oder perspektive zu bekommen, aber auch etwas wie eine geschichte, etwas narratives oder auch völlig unverständliches zusammenzusetzen, aus teilen, die im ersten moment - und oft im ersten moment - gar nicht zusammengehen. eine flächige farbfeldmalerei und eine feine lyrische linienzeichnung, oder eine klar abgegrenzte, abgeklebte form, die neben einem fetten, schrundigen rakelzug oder einem rotzigen sprayflecken steht. das ist ein aspekt des zusammensetzens, es setzt sich aber eben auch aus malerei und nicht-malerei zusammen, wo jetzt der punkt kommt: was ist für mich malerei...
A.P: und was ist dann für dich malerei?
S.H: also richtige malerei, also malereimalerei ist für mich im grunde, wenn ich, sozusagen als mittler, der farbe die möglichkeit gebe, das zu tun, was sie eigentlich selbst tun möchte. ich bewege den pinsel durch die farbe, also male ich in dem moment im klassischen sinne, ich bewege mit dem pinsel die farbe. malerei macht die farbe selbst. das was passiert, ist malerei. ich geb ihr nur die möglichkeit, ich bin das werkzeug.
A.P: da bin ich kompletteinverstanden mit dir. ich behaupte immer, dass vieles, was als malerei behauptet wird, eine vergewaltigung der farbe ist, etwas darstellen zu müssen... das ist nicht verwerflich, aber die farbe muss ihr stück freiheit bekommen, sie selbst sein zu dürfen! eine reine darstellung hat was langweiliges für mich.
S.H: schön gesagt!
A.P: also ist klar, was für dich malerei ist. aber dann stimmt die behauptung, die etwas radikales hat, und künstler müssen radikale sachen behaupten, das schafft diskussionsstoff, aber diese behauptung stimmt dann nicht, oder stimmt nicht mehr, denn wenn ich mich hier im atelier so umschaue, dann arbeitest du in einem dialog, den du zudem erweitert hast durch das arbeiten auf papier. aber diese behauptung „ich male nicht“, also die stimmt einfach nicht, denn du hast, wenn ich mich hier so umschaue, einige arbei-ten, die sehr malerisch sind. und du hast auch arbeiten, die sind nichts anderes als reine malerei, und das hat sich nach meinem eindruck die letzten zwei jahre verstärkt.
S.H: ja, das stimmt. es ist aber, sag ich mal, auch eine suche. denn diese behauptung, so frech und dreist sie ist, aber auch wahrheit beinhaltet, hat in letzter konsequenz ja nie gestimmt. es ging immer um malerei. nur eben nicht in dem sinne, malerisch etwas darzustellen, sondern darum, malerei darzustellen. und ich hab für mich den weg gefunden, dass ich das, was ich als malerei empfinde, am besten darstellen kann, wenn ich sie gegen etwas stelle, was offensichtlich nicht malerei ist. daher kam dann das ganze samplingding. es kamen schriften, muster, ornamente, lauter elemente, die im grunde alle das gleiche gemacht haben. ich habe mir einen formenreichtum angeschafft, der mir geholfen hat, diesen bildraum anders zu organisieren, spannender werden zu lassen, meine arbeit immer reicher hat werden lassen und da ich mir mit der zeit in meiner sache immer sicherer bin, kann ich mehr und mehr auf das zusammensetzen verzichten und das, um was es eigentlich geht, die malerei, mehr und mehr in den vorder-grund treten lassen und es entstehen diese kleinen formate, die reine malerei sind.
A.P: das finde ich unheimlich spannend, obwohl genau da ja der kunstmarkt eine sau ist, wenn man so will. die wollen ja immer eine wiedererkennung, das heißt, das muss der S.H. sein. aber du arbeitest ja in diesem dialog und das wäre schon sehr spannend, wenn du diesen dialog auch nach draußen trägst in dieser ausstellung und du bist dir da ja treu, du verbiegst dich ja nicht in richtung markt, was ich sehr angenehm finde.
S.H: es ist mir einfach auch wichtig, mich nicht einzuschränken, indem ich nur das oder das mache, sondern im gegenteil mir einen größtmöglichen reichtum an möglichkeiten zu erarbeiten, um auf vielfältige weise zeigen zu können um was es mir dabei geht.
A.P: und um was geht es dir?
S.H: schlussendlich geht es mir um meine sicht auf die dinge, nicht in dem sinn von „die dinge“ wie meine sicht auf die natur oder die gesellschaft oder sowas, sondern meine meinung von und meine haltung zur malerei, was für mich malerei ist. obwohl es auch thematische gruppen mit einem gesellschaflichen bezug gibt.
A.P: wie z.b. ?
S.H: nun, eine gruppe sind diese arbeiten die mit a-gain begonnen haben, A – für anarchy und gain für aufdrehen/verstärken. dann steckt natürlich auch again drin, für immer und immer wieder, wo ich an diesen endlosen und nicht zu gewinnenden und deshalb absurden kampf der linksradikalen denke, gegen “das establishment!“, das es als solches gar nicht mehr gibt, denn den einen feind im klassenkampf gibt es nicht mehr, eigentlich gibt es viel zu viele feinde als dass man an einer front gewinnen könnte. und diesem linken kampf wollte ich sozusagen ein denkmal setzten und habe mehrere bilder dazu gemalt und werde auch immer wieder welche malen...
A.P: aber dieser ansatz, eine gesellschaftliche auseinandersetzung, ist bei dir wiederum nur eine facette,also ein teil, aus dem du deine bilder zusammensetzt, und nicht in dem sinne etwas, was dir vordergründig am herzen liegt.
S.H: es ist nicht so stark, dass ich alles darauf ausrichten würde...
A.P: und so ist das, was du gesagt hast, du malst nicht, um so mehr ein widerspruch, denn eigentlich kommen wir immer mehr drauf, dass du ein astreiner maler bist! aber das gegenteil von etwas ist ja oft notwendig, um das eigentliche herauszufinden. diese kleinen formate, die ja sehr malerisch sind, setzt du dich da dann hin und sagst dir: „jetzt mach ich ein malerisches bild?“
S.H: also... nein, im grunde passieren diese sachen nebenher. aber es ist ja auch eine sache von stimmung. es hat ja auch mit der reinen lust am material farbe zu tun. die arbeit hier drüben ist ja sehr konstruiert und komponiert und das kann ich nicht immer machen, das geht mir auch oft auf die nerven und dann muss einfach auch raum sein für freieres, letztenendes emotionales. es ist aber nicht so, dass ich meine pinsel auf der leinwand ausstreiche und dann hinterher sage: „oh, das ist ja ein bild...”
A.P: nein, man sieht ja, dass du dich auch mit diesen kleinen formaten auseinandersetzt.
S.H: ja, das stimmt. es sind halt unterschiedliche grundstimmungen. aber die auseinandersetzung und die zeit, die ich mich dann damit beschätiige, die ernsthaftigkeit, ist die gleiche. es steht halt dann das interesse im vordergrund malerei zu machen, ohne zu collagieren oder „zusammenzusetzen“.
A.P: also geht’s dann um die lust an der farbe, denn farbe hat ja eine lust an sich selbst. das außen, die auseinandersetzung mit dem, was dich beschäftigt, und den gedanken an die linke, fällt hier dann komplett weg.das ist für mich etwas, was man auf den künstler übertragen kann, denn es geht ja auch um die person des künstlers, die emotionalität und die lust, etwas zu machen und diese freiheit, das auch zu genießen, wenn das intellektuelle wegfällt. das hat eine ganz eigene qualität und ist für mich auch eine qualität in einer künstlerischen arbeit, die ich sehr schätze, dieses - sich frei machen können.
S.H: diese freiheit musste ich mir aber auch erst erarbeiten und das auch zulassen. gerade auch nach dem studium, wo man ja im studium in einer permanenten auseinandersetzung ist, sich ständig behaupten muss, selbst wenn die auseinandersetzung nicht immer verbal geführt wird. aber wenn man da grad mal hergeht und heut das macht und morgen was anderes, da ist man dann ganz schnell der, der keinen weg hat.aber diese freiheit musste ich mir erst erarbeiten, auch etwas anderes zu machen und dabei etwas zu finden, was meiner arbeit an sich entspricht, aber für sich selbst bestand und qualität hat.
A.P: von daher ist es, wie ich finde, der perfekte zeitpunkt für deine debütantenausstellung.
S.H: das sehe ich auf jeden fall auch so :)
A.P: eine frage gibt es noch. ich weiß ja von dir, dass du früher, als wir uns kennengelernt haben, vor ungefähr 10 jahren, da hast du auch installativ gearbeitet. die letzte installative arbeit, die auch auf deiner homepage zu sehen ist, ist dieses bad, das du mit farbe füllst. ist das für dich nach wie vor noch eine möglichkeit, so zu arbeiten?
S.H: insofern ja, dass ich ja meine malerei auch raumbezogen umsetze, sofern ich die möglichkeiten habe. also wenn ich einen raum zur verfügung habe, geh ich natürlich auch auf die wand. die arbeit mit der badewanne, im tiergartenhotel in nürnberg, ist ja auch malerei, irgendwie, nur anders...
A.P: aber objektinstallation, in dem sinn wie die arbeiten, die du gemacht hast, bevor du nach nürnberg gegangen bist?
S.H: du meinst gelbe säcke und so, licht und ton...ja, äh nein, so was kommt nicht mehr vor, das ist nicht mehr das ding.aber wie gesagt, installative malerei, raumbezogen und raumgreifend, direkt auf die wand wird es immer wieder geben, sofern ich die möglichkeit habe, und das wird auch in coburg der fall sein.
Vertigo GoGoGo
Vertigo GoGoGo
Vertigo GoGoGo
Auch wenn es Stephan Haimerl abstreitet, es hat seine Bewandtnis mit dem Titel. Eine Coburger Kneipe soll Pate gestanden haben. Allerdings hieß sie „Vertico“ mit „c“. Weil Stephan Haimerl nicht David Reed ist, kann eine Anspielung auf Hitchcocks berühmten Film ausgeschlossen werden. Bleibt der medizinische Fachausdruck für Schwindel. Ein Phänomen, dem der Künstler ganz offensichtlich Lust abzugewinnen weiß – wie sonst ließe sich das dreifache angehängte „Go!“ verstehen. Ein Anfeuerungsruf, nicht nachzulassen, nicht aufzuhören. Immer weiter, immer schneller, auch wenn einem schon ganz schwindelig ist. Das ist der Anspruch des Malers Stephan Haimerl. Besser hätte er ihn nicht formulieren können.
Um Schwindel Bild werden zu lassen, bedarf es einer gehörigen Portion Erfindergeistes. Hitchcock visualisierte Scotties Höhenangst, indem er gegenläufig zur Kamerabewegung in das Treppenhaus des Glockenturms hineinzoomte. Die Mittel des Malers, den Betrachtern seiner Bilder den sicheren Boden unter den Füßen wegzuziehen, gleichen Hitchcocks Kameraeffekt. Sie verschmelzen ebenfalls Widersprüchliches zur unauflösbaren, irritierenden Erlebniseinheit: Flächiges und Räumliches, Figuratives und Abstraktes, Transparentes und Opakes, Glänzendes und Mattes, Leuchtendes und Fahles, Gestisches und Gezirkeltes, Ungelenkes und Raffiniertes. „Das Unterschiedlichste und Widersprüchlichste in möglichster Freiheit lebendig und lebensfähig zusammenzubringen“, hat Gerhard Richter einmal als Ziel seiner Malerei definiert. Damit hat er der „Malerei nach dem Ende der Malerei“ einen Ausweg aus der Sackgasse des Selbstausdrucks eröffnet.
Das Malen von Bildern ist seitdem nicht leichter geworden. Stephan Haimerls Malerei lässt den Kampf um das Bild, dessen Widersprüche sich nicht auflösen, nachvollziehbar werden. Denn zu viel Komposition bedeutet den Tod des Bildes. Zu wenig davon und die Widersprüche greifen nicht. So verstandenes Komponieren sucht nicht den harmonischen Ausgleich, sondern die Aktivierung des Unversöhnlichen. Je nach Format gestaltet sich das Problem unterschiedlich. Entsprechend können kleine Bilder nicht einfach nur aufgeblasen werden. Und umgekehrt. Stephan Haimerl, der immer wieder von groß zu klein und zurück springt, spielt auf zwei verschiedenen Klaviaturen.
Der Griff zu Comic und Schrift, offensichtlich inspiriert durch Michel Majerus, verkompliziert sein Spiel noch, anstatt es zu vereinfachen. Versatzstücke, sichtlich ohne allzu viel Bedeutung, dafür mit der Anmutung des Rotzigen und Subkulturellen im Gepäck. Sie sitzen an den richtigen Stellen, also dort, wo es wehtut. Sie sind Pfähle im Fleisch der „Malereimalerei“, von der Haimerl spricht, also einer sich selbst genügenden Malerei. Straße versus Museum. Einer der vielen Kämpfe, denen Stephan Haimerls Malerei eine Arena bietet.
Es geht laut darin zu: Vertigo GoGoGo!
Thomas Heyden
Ein Maler aus Nürnberg
Ein Maler aus Nürnberg
Stephan Haimerl war schon mitten im Studium, als ich die Klasse übernahm. Er vertrat von allen Studenten die gegensätzlichste Position zu mir.
Eine Äußerung von Stephan Haimerl aus dem Klassenkatalog „PAVILLON 15“ beschreibt am besten seine Arbeitsweise: „ Ich male nicht, ich setze zusammen“.
Alles, nur nicht klassische Malerei kann für ihn Anlass werden, Bilder zu erfinden. Vor dem Hintergrund moderner Montage- und Collagetechniken spiegeln die Bilder das Lebensgefühl der Dreißigjährigen, Techno und Popart Erfahrenden wieder, in denen verschiedene Sprechweisen ausprobiert und zur Ansicht gebracht werden. Er betätigt sich als Bildersammler der medialen Welt, sammelt Comics, Figuren aus Computerspielen, Logos, Typographien, Magazinausschnitte. Ähnlich den DJs in den Clubs mixt er visuelle Elemente. Nicht nur das. Stephan Haimerl kombiniert die Versatzstücke populärer Kultur mit den Errungenschaften der künstlerischen Bildsprache aus den letzten Jahrzehnten, wie Informel, Action Painting, monochrome Farbfeldmalerei, Pop- Art. Er macht Anleihen von Polke bis Majerus und versucht, die Grenzen seiner Malerei neu auszuloten.
Die Formate reichen von hand- bis überlebensgroß, der Bezug zur Skulptur ist vorhanden. Es gibt quietsch bunte und auf wenige Farben reduzierte Bilder, klar lesbare und fast lyrische Arbeiten. Er arbeitet oft assoziativ und raumbezogen. Stephan Haimerl verwendet, was ihm zu Verfügung steht. Er hat Interesse für alles was seine Art von Malerei bereichern könnte. Die Materialien sind oft seltsame, auch banale Dinge des Alltags, neben Acyrlfarben vor allem Leuchtfarben, Sprayfarbe, Klebefolien, alles Utensilien aus denen Bilder entstanden sind. Seine Kunst basiert auf Überraschungen die sich unerwartet ergeben. Dinge werden miteinander verbunden, die sich nicht verbinden lassen. Kompromisse werden nicht geschlossen, Spannungen nicht ausgeglichen. Über allem schwebt die Präzision des Ungenauen. Das Risiko zu scheitern scheut er nicht, es ist eher programmierter Ansporn Neues zu entwickeln. Als Motiv interessiert ihn nur, was auch in verkürzter Form lesbar bleibt. Die Kontur wird oft mit dem Episkop auf die Leinwand geworfen und mit dem Edding umrissen. Die dabei entstehende Umrandung repräsentiert das Hier und Jetzt, die Malerei steht für das Unbenennbare. Denn trotz aller Vermeidung persönlicher Handschrift durch Bevorzugung von Schablonentechniken und eine Vorliebe für Siebdrucke ist dennoch die Malerei als subjektive Äußerung sichtbar. Der Farbauftrag ist manchmal aggressiv, spontan oder auf einem bloßen Anstrich reduziert. Klecks und Laufspuren verweisen auf ein durchaus gestisches Moment.
Es geht in den Arbeiten nicht darum den Sinn zu entschlüsseln, sondern um das Zeigen einer verschlüsselten Botschaft. Es geht ihm nicht darum ein Lied zu komponieren sondern eher um das Erzeugen eines Sounds.
Künstlerisches Schaffen erfordert ein tägliches Sich mühen, eine genaue Abschätzung seiner Kraft und vor allem eine große Neugier auf alles was ist und was wird. Die besondere Art und Weise in der Stephan Haimerl seine Arbeiten als aktiven Bildraum entwickelt, in dem sich seine Sicht auf die Welt als ein Bild konkretisiert, belegt die Gültigkeit seines Selbstverständnis als Künstler. Ich wünsche Ihm für diesen Weg alles Gute.
Prof. Thomas Hartmann
im Januar 2009
Über meine Art zu arbeiten
Über meine Art zu arbeiten
Nachdenken, über das, was ich im Begriff bin zu tun, gehört für mich zur Arbeit.
Die meiste Zeit vergeht damit, dass ich mir im Geist vorstelle wie sich dies oder jenes Element, dann - nach der Tat - zum Ganzen verhalten wird.
Ich male nicht, ich setze zusammen.
Jede Aktion ist einmalig und nicht wiederholbar, das Ergebnis nicht veränderbar - nur weiter zu verhandeln.
Farbflächen werden überlagert von Zeichnung, Zeichen setzen sich ab im Vordergrund, stören das Bild, sind autonome Geste, Hinweise auf gegenständliches, und stellen das Gemalte in Frage.
Scheinbar nicht zusammengehörende Elemente verweben sich zu einem Ganzen.
Schicht um Schicht entsteht ein dichter Kosmos aus eigenständigen, unzusammenhängenden Fragmenten die aber als solches nicht eigenständig sind, sondern nur im Zusammenhang existieren können.
Konstruktive Denkprozesse wechseln sich ab mit gestisch impulsiver Handlung.
Zeichnung existiert gleichberechtigt neben Malerei.
Offensichtiche Widersprüche, aber klare Ansagen.